Freitag, 11. Februar 2011

Momentan

geht auf Arbeit (und zu Hause) mal wieder alles drunter und drüber. Ich bin fix und erledigt und möchte am Liebsten alles (die Umschulung) hinschmeissen.
Seit zwei Monaten bin ich in den Wohnbereichen der Behinderten und Suchtkranken eingeteilt. Das ist die reinste Hölle dort!!!
Bei den Suchtis schlägt man den halben Tag verbale Schlachten mit einem Haufen aggressiver Motzbacken, die sich ihr Hirn weggesoffen haben, aber immer noch denken, sie wären die Helden der Nation. Bei den Mahlzeiten (wo immer ein armes AP Aufsicht führen muss damit sich die Herren nicht ums Essen prügeln) muss man ständig Streit schlichten und handfesten Prügeleien vorbeugen. Die ständige aggressive Stimmung macht mich total fertig.
Dann gibt es da noch solche Zeitgenossen, bei denen man schön den Rückschritt vom Menschen zum Neandertaler verfolgen kann. Bei einem Bewohner funktioniert leider das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr. Er kommt also alle 1 1/2 Minuten und "fragt" nach einer Zigarette. (das klingt dann ungefähr so: "Zzzzzzzziiiarätttttäääää!!!!!") Antwortet man: "Sie hatten doch grad erst eine". Fragt er gleich nochmal. Antwortet man: "Ich hab keine Zigaretten!". Fragt er: "was zzzzuuu rrrauchn!". Antwortet man: "ich hab auch nix zu rauchen!". Sagt er: "Zzzzzzzziiiarätttttäääää bitte!!!!!" (Immerhin, "bitte" kann er noch) Dieser Dialog wiederholt sich, sobald man dem Bewohner begegnet. Wenn man Pech hat und mehrfach den Gang rauf- und runterläuft, z.B. weil der Schmutzwäscheraum aufgeräumt werden muss oder warum auch immer, wird man auch gern JEDESMAL gefragt, auch wenn man grad ne Minute vorher schon mal an ihm vorbeigegangen ist.
Besonders toll ist es, wenn er dann in den Wohnbereich der Behinderten kommt und dort Jeden (auch die Bewohner) fragt.
Bei den Behinderten herrscht ein ohrenbetäubender Lärm. Zumindest meistens. Herr E. (stark dement) haut Fräullein H. eine Wasserflasche über den Kopf. Oder schlägt ihr die Faust ins Gesicht. Frollein H. brüllt daraufhin wie am Spiess. Woraufhin Miss Sonnenschein ebenfalls anfängt zu schreien. Oder zu quengeln. Sie ist mittlerweile Mitte 70, geistig stark zurückgeblieben (auf dem Stand eines etwa 5-jährigen Kindes) und wurde zeitlebens von den Eltern verwöhnt. Hat auch nie irgendwelche Regeln gelernt. Und wenn Madam dann ihren Willen nicht bekommt, schreit, quengelt und nervt sie pausenlos, bis irgendwer irgendwie reagiert. Sie schlägt, kneift und tritt dann auch gern mal ihre Tischnachbarn, was wiederum Geschrei bei den Malträtierten auslöst.
Dann gibt es noch eine junge Frau mit angeborenem Wasserkopf und spastischer Lähmung. Die lacht gern. Und laut. Und schrill. Und über alles und jeden. Das Lachen ist bei ihr auch ein Anzeichen von Stress, Ärger, Frust. Sie macht das Pflegepersonal auch gern auf Missstände im Wohnbereich aufmerksam, z.B. wenn ihr Tischnachbar seinen Becher noch nicht leergetrunken hat oder schief am Tisch sitzt. Ihr Verlobter, ebenfalls spastisch gelähmt und extrem depressiv sitzt unterdessen am Tisch und jammert, das ihm alles weh tut, das er doof ist, das er sich umbringen will und alles Scheisse ist. Pausenlos.
Währenddessen tobt Herr B. (ebenfalls ehemaliger Alkoholiker mit nur noch sehr spärlich vorhandenem Resthirn) mit seinem Rollstuhl durch fremde Zimmer oder futtert in unbeobachteten Momenten den Kuchen der Anderen weg und grienst dann nur frech, wenn man ihn darauf anspricht ("oh.. nu isser halt wech")
Wenn dann noch Kollegin A. Dienst hat wird es ganz schlimm. Sie liebt nämlich Volksmusik. Dann dudelt über all dem Chaos noch ein Heino aus stolzgeschwellter Heldenbrust seine Volksliedchen, während D. begeistert neben dem CD-Player sitzt und diesen immer mal wieder auf volle Lautstärke dreht.

Und das dann 8 1/2 Stunden lang. Und derzeit hab ich 14-Tage ohne Pause Schicht. Also, naja, jeweils Montag und Dienstag Schule. Das ist dann schon fast Erholung.
Ich glaub, in ein paar Tagen bin ich reif für diese schicken Jacken, die so extravagant auf dem Rücken zugebunden werden.
Ach ja. Und nächsten Mittwoch feiern wir Karneval. Da kommt bestimmt auch Didi mit seinen Schauerlichkeiten. Didi ist so ein abgehalfterter drittklassiger Provinzkalauer, der denkt, Stimmung macht mann wenn's laut ist und die Wände wackeln. Didi hat eine lustige Orgel, die sehr schreckliche Töne von sich gibt. Und Didi singt (laut und falsch) zu schrecklichen Playbacks.
Ratet mal, welches arme Sch*** am Mittwoch Spätschicht hat? Na?
Klar, wer wohl.... Ich glaub, danach bin ich dann fällig für die gepolsterten Zimmerchen...

Also. Nur damit mich Niemand falsch versteht: die meisten der Bewohner mag ich wirklich. Und einzeln sind sie auch echt lieb und ich bin gerne mit ihnen zusammen. Aber so in der geballten Masse ist es fürchterlich.


Hab grad mal nach Mitteln gegen Stress gesucht und diese tollen Tipps gefunden. Nun ja. Vielleicht hilft es ja... Oder ich frag mal meinen Dok nach so ein paar Scheiß-egal-Pillen. Aber wenn das noch lange so weitergeht und ich nicht wieder in den anderen Wohnbereich zu den Dementen komme drehe ich durch. Jetzt echt. Ich hab meine Grenzen schon vor einiger Zeit erreicht und mittlerweile auch überschritten.
Zu Hause bin ich dann völlig fertig, gestresst und schlecht gelaunt. Kann Nachts kaum schlafen und motze dauernd meinen Ritter oder die Katzen an. Der hat inzwischen auch schon die Nase voll und verzieht sich sobald es geht in seine Gemächer. Und ich hab Angst, das er irgendwann mal endgültig zu viel hat und die Koffer packt. Darüber reden geht nicht, weil ich ihm gar nicht klar machen kann, was tagsüber auf Arbeit so alles läuft. Und es ihn wohl auch nicht sonderlich interessiert. Da kommt dann nur, das ich bestimmt übertreibe und sowieso immer alles schwarz und negativ sehe und seine Schüler ja auch mal nerven.

Ne Kollegin hatte vor ein paar Monaten nen burn-out. Die Symptome, die sie geschildert hat, kommen mir alle extrem bekannt vor.



So.
Und nun genug gejammert. Jetzt kram ich wieder mein "alles ist okeee" Lächeln aus der Kiste und tu so als wäre die Welt in Ordnung. Hauptsache, der Schein wird gewahrt und nach aussen hin sieht alles gut aus, oder?
Weil, wenn Jemand fragt "Wie geht es Dir?" und man auch nur andeutet, das es grad nicht so gut geht, will es ja sowieso keiner wissen. Da kriegt man dann noch schnell ein paar platte Phrasen an den Kopf geworfen und schon ist das Gespräch vorbei. Warum fragen die dann?
Ich hab mir dann ein "Danke, gut" als Antwort angewöhnt. Will ja Keiner wissen ob es stimmt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

sie fragen,ich antworte
Die heutige Frage lautet:
Warum fragen die Leute wie es mir geht,wenn sie die Antwort gar nicht hören wollen?
1.Einige Leute fragen,weil sie sonst nicht wissen was sie sagen sollen
.....die sind harmlos
2.Einige Leute fragen weil sie damit ganz "dezent"auf ihre eigene missliche Gesundheits-Lebenssituation
aufmerksam machen wollen
...die sind teils ganz schön lästig
weil meist wird man die nicht los bevor sie nicht stundenlang rumgekotzt haben wie schlecht sie es doch haben...
...damit meine ich aber nicht dich,neee

Mal im Ernst...Tauschen möchte ich nicht mit dir,ich glaube da würde ich auch abdrehen
das gepolsterte Zimmerchen teilen wir uns dann,hat sicher auch angenehme Seiten,geregelte Mahlzeiten,und meistens Ruhe zum Stricken...oder?
so und jetzt lach mal wieder...aber bitte nicht zu laut und schrill...grien...sonst krieg ich hier Kopfweh...
Knutscha...
humutate

Sieglinde hat gesagt…

Hm, die Situation ist schwierig. Vielleicht kannst Du eine sog. Supervision kriegen, wir arbeit(et)en im Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung grad mal zweiMal die Woche 2 1/2 h in einer offenen Ganztagsschule (Hauptschule in Bayern, pro Gruppe ca. 13 Kiddies, ca. 12 - 13 1/2 J.), diese Klientengruppe ist wohl nicht mit Deiner zu vergleichen, aber ich hab die Situation der Hauptschüler und deren Zustand zuvor eigentlich immer überschätzt. Meine Kollegin hat an Weihnachten aufgehört, ich fahr die Sache ab März auf max 6 h pro Monat runter bzw. beende sie auch. Die Jugendlichen, die da zu uns kommen (mehr gezwungener Maßen als freiwillig) sind zum größten Teil desinteressiert, agressiv und primitiv und sehr faul. Wir betreuen die bei den Hausaufgaben und bei der Freizeitgestaltung. Eigentlich sollten wir sein: Mutter, Nachhilfelehrer, Freund, Freizeitbe-spaßungstante, Psychologe.
Ich kann Dich gut verstehn. Die Beschreibung deines Alltags hat mich stark an 'meine Kinder' dort erinnert. Die sind vermutlich z.T. Deine zukünftige Kundschaft. Eigentlich bräuchten die eine 1:1 Betreuung, geht aber natürlich nicht.

Zu Deiner Lage: da ein die-Sache-schmeissen wohl nicht so gut geht, werden wohl viel Meditation, Supervision, Freizeitaktivitäten, die dich wieder 'runter-bringen', usw. auf dem Plan stehen müssen. Eventuell kannst Du in eine andere Personengruppe wechseln, bzw. Dein Stundenkontigent reduziern. Wenns gar nicht geht, dann bleibt nur ein Umschulungswechsel. Ich würde mal die Möglichkeiten alle durchgucken.
Mein Partner, der in seinem Beruf auch sehr gefordert ist, hat auch kein großes Verständnis. Bei mir gehts aber auch ohne die Tätigkeit, bzw. ist die z.Z. ja nur noch ca. 4 - 5 h wöchentlich, da kann man das fehlende Verständnis ev. noch hin nehmen. Aber schön ist das nicht, bei dir ist das schlimmer, denn eine schwierige Situation ohne rechten Rückhalt durchzustehen ist schon schwer. Da musst du mal mit deinem Partner reden oder nachdenken.

Viel Kraft und die richtige Suche und das richtige Finden. Erkannt ist das Problem ja.

Liebe Grüße
Sieglinde

Sieglinde hat gesagt…

PS: Wir betreuen Kinder aus HS-Klassen, die von den Eltern angemeldet wurden, hauptsächlich auf Drängen der Lehrer bzw. der Schulleitung, um diesen Kindern eine Arbeitshaltung, Benehmen beim Mittagessen und überhaupt, sowie Sozialverhalten zu vermitteln. Und um Normalität und Stabilität ins Leben deser Kinder zu bringen. Wir haben aber auch eine(relativ kleine) Anzahl 'normaler' Schüler in der Betreuung, und es kommen als Tutoren Mitschüler aus den 9.Klassen, die erfrischend 'normal' sind, sich gut benehmen und denen mit Sicherheit ein guter Lebensweg bevor steht.

LG; Sieglinde

Mea-B. hat gesagt…

Liebes Rittersternchen,
schliesse mich an - hoffentlich hast Du eine Chance auf Supervision! Deiner Heino-Kollegin könntest Du zu irgendeinem Anlass so einen Jodelhamster in Lederhosen schenken, oder die CD von den Jacob-Sisters.
Der Hamster-Song ist echt ne Strafe! ;o)
Helfen kann ich Dir nicht, aber mitfühlen!
Versuch doch mal, wenn einer fragt wie es Dir geht, schnell zu sagen "Danke, beschi...n". Du wirst sehen, entweder man merkt das gar nicht, oder Du bekommst ein "Das ist aber schön"! Ist mir passiert, echt, das war dann doch zum Lachen!
Halte durch, es wird!
Lieben Gruß
Mea