Montag, 11. Mai 2009

der letzte Muttertag

Draussen ist düster und grau und schüttet wie aus Eimern.
Ich bin traurig und deprimiert und will auf positivere Gedanken kommen.
Gestern war wieder "das Horror-Fest". Ich mag keine Muttertage. Den letzten haben wir vor 6 Jahren gefeiert. An dem Tag wurde auch meine jüngste Schwester Rebecca konfirmiert. Mama lag im Sterben und hat mit aller noch irgendwie zusammengesuchten Kraft auf diesen Tag gewartet.
Die Konfirmation ihrer Kleinen! Wie gern wäre sie dabei gewesen! Wie gern wäre sie mit ihrem kleinen Goldsternchen an diesem Tag in die Kirche gegangen!
Ein paar Tage vorher war ich mit Becki einkaufen. Eine wunderschöne, festliche weiße, bestickte Bluse. Und ein schlichter schwarzer Rock.
Und zur Feier des Tages bekam sie eine von Mamas Lieblingsketten, ein Anhänger aus rubinrotem Granat. Sie war so stolz!!
Während wir in der Kirche waren, hat eine Frau vom Hospitz Mama gehütet und für unser Mittagessen Bergeweise Spargel geschält.
Der ist mir aber irgendwie halb im Hals steckengeblieben. Es ist so verdammt schwer, fröhlich zu feiern und gleichzeitig zu wissen, das das ein Abschiedsfest ist.
Nach diesem Sonntag im Mai hat Mama jegliche Nahrung verweigert. Auch trinken wollte sie nicht mehr. Die vielen, vielen Tabletten, die sie schlucken musste, hat sie ebenfalls abgelehnt. Nur das Morphium hat sie noch genommen. Sie wusste ganz genau, was sie wollte.
Klar hätten wir sie noch ins Krankenhaus einweisen lassen können.
Dort hätte man sie in ein kaltes weißes Zimmer geschoben und an unzählige piepende Maschinen angeschlossen. Zwangsernährt.
Und dann?
Wie lange hätte sie dann noch "gelebt"?
Und wär dann irgendwann vermutlich allein gestorben? Immerhin wohnten wir damals ca. 50 km von dem Krankenhaus weg, auf dem Dorf.
Sie wurde ja schon im August 2002 in den "Sterbeflur" verlegt. Als wir sie dann nach Hause holen durften, gaben ihr die Ärzte nur noch wenige Tage.
Im Februar war sie das letzte Mal im Krankenhaus. Eigentlich sollte da doch noch eine Chemo durchgeführt werden. (Nachdem die Ärzte wochen- und Monatelang dagegen waren). Aber ihr ging es so schlecht, das sie das gar nicht überstanden hätte.
Sie war voller Panik, allein in diesem Krankenhaus bleiben zu müssen. Als sie wieder zu Hause war, haben wir ihr versprochen, das sie nicht mehr ins Krankenhaus muss und in Frieden zu Hause sterben darf. Denn das war ihre Angst. Allein im Krankenhaus zu sterben, ohne sich vorher noch mal verabschieden zu können.
Ich bin dem begleitenden Hausarzt sehr dankbar, das er uns unterstützt hat! Er hätte sie auch zwangseinweisen können! Aber er sagte, er wäre Arzt geworden, um Leben zu retten. Nur wäre bei Mama kein Leben mehr möglich. Sie hätte vielleicht noch ein paar Wochen oder Monate an den Geräten gehangen.
Diese Entscheidung ist uns ganz bestimmt allen verdammt schwer gefallen! Aber wir haben sie gemeinsam im Familienkreis gefällt. Es ist schwer, einen geliebten Menschen gehen zu lassen. Verdammt schwer, einen geliebten Menschen loszulassen und ihm die Erlaubnis zu geben zu gehen. Ab einem bestimmten Punkt bringt es einfach nichts mehr, einen Menschen krampfhaft festhalten zu wollen. Das ist für alle eine riesige Quälerei.
Für den Sterbenden, weil er gehen möchte, keine Kraft mehr hat zum Leben und sich gegen die Krankheit und den Schmerz zu stemmen. Aber auch für die Zurückbleibenden. Denn diese letzten Tage sind verdammt hart!

Kommentare:

Rosenfee hat gesagt…

Ja Du hast recht!Aber Du hast richtig gehandelt!Du hast sehr viel Mut bewiesen,Deine Mutter nach Hause zu holen,das schafft nicht jeder!
Wir haben auch loslassen müssen,schwer war´s.
Ich wünsche Dir,liebe Martina das Du es eines Tages leichter nehmen kannst!
Liebe Grüsse
Patricia

Pepper Anny aka Sabine hat gesagt…

Ach Frau Ritterstern, ich war 15 als meine Mutter das letzte Sylvester "gefeiert" hat heute bin ich 47 und immer noch ist Sylvester ein sehr zwiespältiger Tag. Deine Gedanken sind mir so bekannt und auch das fühlen dazu... tja jeder hat sein Päckchen zu tragen und die einen tragen es leicht den anderen liegt es schwerer auf den Schultern.
Aber laß den Kopf nicht hängen es wird leichter wenn man es zuläßt ;o)

LG
Splie (ist dann wohl die Abkürzung für Spleenie, oder ? Grins)

Siggi hat gesagt…

Liebe Martina:

Mütter sterben nicht,
gleichen alten Bäumen.
In uns leben sie und in unsren Träumen.
Wie ein Stein den Wasserspiegel bricht,
zieht ihr Leben in unserem Kreise.
Mütter sterben nicht,
Mütter leben fort auf ihre Weise.
(Verfasser unbekannt)



missessi ( na, wenn man das trennt, dann stimmt´s alles wieder. Der Hammer!)

Rosenperle hat gesagt…

Habe gerade deine Zeilen über deine Mutter gelsen und bin tief berührt. Das habt ihr sicher richtig gemacht, deine Mutter heimzuholen. Ich kann sehr gut nachfühlen welches Chaos in der Gefühlswelt hereinbricht, wenn ein Elternteil stirbt. Mein Vater hat uns mit nur 59 Jahren plötzlich verlassen (Herzinfakt) innerhalb von Sekunden ist er von uns gegangen. Das ist auch schlimm, weil man nicht Abschied nehmen kann.
Tröste dich vielleicht damit, dass du die letzten Stunden bei deiner Mutter sein konntest und sie beim Sterben nicht alleine war.
Herzlichst Gabriele